Sebastians Meinung:
Als Kevin Smith Fan, der auch seine Podcasts mit Begeisterung verfolgt, höre ich den Regisseur schon beinahe ein Jahr über Red State sprechen. Ich wusste, dass mich hier kein „normaler“ Kevin Smith-Film erwartet und dass ich mich stattdessen wahlweise auf einen Horror-Thriller oder, wie Smith es selbst teils ausdrückte, seinen „Coen-Brothers“- oder „Tarantino“-Film einstellen musste (was auch alles, irgendwie, stimmt). Dennoch: Auf diesen Film war ich nicht vorbereitet – Red State ist bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich der erwartete Backwood-Horror über religiösen Fundamentalismus, geht aber noch deutlich weiter.
Der Plot dreht sich um die Cooper-Familie, eine fiktionalisierte, überzeichnete Version der Westboro Baptists Church um Michael Phelps, die mit ihren Protesten gegen Homosexualität immer wieder für Aufsehen sorgt. Was die Coopers, geführt von Familienoberhaupt Abin (Michael Parks) von ihren realen Vorbildern unterscheidet, ist vor allem ihre Vorliebe für schwere Waffen und ihre Bereitschaft, diese gegen Andersgläubige einzusetzen. Sie entführen drei Teenager, um sie in ihren Messen für ihre „Sünden“ zu töten und legen sich so mit der örtlichen Polizei und der ATF, geleitet von Agent Keenan (John Goodman) an.
Spiel mit Erwartungen

Tatsächlich ist Red State das erste Mal, dass sich Smith wirklich aus seiner Comfort Zone herausbewegt – Jersey Girl mag eine Annäherung an den Mainstream gewesen sein und Zack and Miri Make a Porno das etablierte View Askewniverse zurückgelassen haben, doch so weit wie hier hat sich Smith bisher nie von seinen herzensguten Slacker-Komödien (und, mit Ausnahme seiner Frau Jennifer Schwalbach, seinem etablierten Cast) entfernt. Red State ist ein zynischer, kompromissloser Film, der sich Helden- und Identifikationsfiguren genauso verweigert wie einer klaren Erzählperspektive.
Smith hat ganz offensichtlich Spaß daran, mit den Erwartungshaltungen zu spielen – und das macht er sehr gut: Red State schlägt so viele Haken, ändert so oft Ton und Perspektive, dass es fast unmöglich ist, vorherzusehen, was passiert. Was beginnt wie ein Standard-Teenieslasher ist im weiteren Verlauf mal Action, mal Thriller, mal Horror und mal Komödie und dabei immer, irgendwie, 100% Kevin Smith.
Smiths unverwechselbare Stimme
Das ist überraschend, denn auf den ersten Blick fehlen die klassischen Zutaten eines Kevin Smith-Films: Liebte er bisher seine Figuren, so lässt er dieses Mal jede einzelne unmoralisch (und unsympathisch) handeln, sodass man kaum wirklich auf einer Seite stehen kann. Selbst als es kurzzeitig scheint, Smith wolle recht spät im Film dann doch einen der drei Teenager (Kyle Gallner) und die etwa gleichaltrige Cheyenne (Kerry Bishé) aus dem Cooper-Clan als Helden anbieten, stellt sich dies nur Minuten später als eine weitere falsche Fährte heraus. An Popkultur-Anspielungen reiche Dialoge hat Smith diesmal auf ein Minimum reduziert und auch thematisch hat Red State auf den ersten Blick wenig mit seinen bisherigen Filmen gemein (mit Ausnahme vielleicht von Dogma).

Doch Smiths Weltsicht, seine Stimme als Erzähler und seine Stärken als Autor sind auch in Red State vorhanden – nur setzt er sie dieses Mal anders ein als bisher: Sein Talent für Dialoge nutzt er diesmal in erster Linie für die realistische, beängstigend glaubhafte Sprache der Cooper-Familie – allen voran eine fast 10-minütige Predigt (die sicherlich den ein oder anderen Zuschauer langweilen wird) von Abin Cooper, deren homophober Inhalt so widerlich, dabei jedoch so wenig over-the-top ist, dass in Kombination mit der brillanten Performance von Michael Parks eine natürlich Überspitzte, aber doch treffsichere Interpretation des Phelps-Vokabulars herauskommt (wer einen Einblick in die Westboro Baptist Church gewinnen will, dem seien dringend die Louis Theroux-Dokus The Most Hated Family in America und America’s Most Hated Family in Crisis empfohlen). Der Humor ist diesmal sardonischer, auch seltener, aber genauso pointiert und witzig wie man es von Smiths gewohnt ist.
Späte Weiterentwicklung

Doch was wohl am meisten beeindruckt an Red State ist, wie weit sich Smith so spät in seiner Karriere (Red State ist, laut eigener Aussage, sein vorletzter Film) entwickelt hat. Gerade sein letzter Film Cop Out machte schmerzlich deutlich, dass Smiths Stärken bisher ausschließlich im Drehbuch-Bereich lagen – mit dem Fremdstoff wusste er als ein visuell nur bedingt kreativer und generell bisher eher zweckmäßiger Regisseur wenig anzufangen. Das hat sich mit Red State geändert: Obwohl er sich hier wieder auf ein starkes eigenes Drehbuch verlassen kann, ist Red State Smiths visuell bisher ambitioniertestes Werk und sieht, gerade angesichts des Budgets von nur $4 Millionen, wirklich gut aus. Der Look ist dreckig und realistisch, was durch den intensiven Einsatz von Handkameras noch unterstützt wird. Auch in den hektischeren, ebenfalls meist mit Handkamera gefilmten Szenen, macht es, bis auf ganz wenige Ausnahmen, keine Probleme, dem Geschehen zu folgen – Smith und sein Kameraman David Klein behalten (fast) immer den Überblick. Ein Virtuose ist Smith noch immer nicht, doch seine Inszenierung ist dynamischer, kreativer auch als bisher. Die – durchaus häufigen – Gewaltszenen sind zwar eplizit und realistisch, aber nie als pures Zurschaustellen inszeniert. Jeder einzelne Gewaltmoment ist ein neuer Schock – egal, wen es trifft. Denn obwohl Smith mit der Cooper-Familie ein sehr einfaches Feindbild hat (am Anfang des Films wird erklärt, selbst Neonazis würden sich von Abin Coopers Ansichten distanzieren), hört er dort nicht auf, demontiert auch ATF und Regierung und gesteht gleichzeitig auch Mitgliedern der Cooper-Familie, gerade Cheyenne menschliche, ja, auch Empathie erzeugende Eigenschaften und Emotionen zu. Red State ist kein Film über die Westboro Baptist Church, auch nur zu einem kleinen Teil über religiösen Fundamentalismus; vielmehr ist es ein Film über Hass, kreiert von „Sex, Religion, Politics“ – in diese drei Kategorien ordnet Smith seine Figuren in den Credits.
Natürlich hat Smith dabei nicht unbedingt bahnbrechendes zu sagen, doch das weiß er und nimmt sich nie so ganz ernst. Gerade das ganz offensichtlich von Burn After Reading und No Country for Old Men inspirierte, antiklimaktische Ende ist nicht nur äußerst lustig, sondern banalisiert das zuvor Gesehene, als wollte Smith zum Ende noch einmal klarstellen, dass er seinen Film eher als eine unterhaltsame Überspitzung ohnehin bekannter Verhältnisse als einen echten Kommentar zum Gezeigten sieht – das kann man, vielleicht nicht ungerechtfertigt, als Ripoff bezeichnen, für mich funktionierte es als Abschluss eines äußerst intensiven Films geradezu erlösend (pun intended).





5 von 5 Punkten – Red State wird, dank fehlendem Identifikationspotential, sicher nicht den Wiederseh-Wert von Smiths bisherigen Filmen haben, doch er ist ein enorm cleverer, satirischer und wendungsreicher Film und ein Reifezeugnis seines Regisseurs – das sage ich, zugegeben, als ohnehin großer Smith-Fan, aber genauso auch als Fan von intelligenter Genre-Unterhaltung.
Red State lief auf dem Fantasy Filmfest 2011. Start und Verleih sind zur Zeit noch nicht bekannt.