Louie ist eine Serie, die eigentlich nicht existieren dürfte – schon gar nicht in ihrer zweiten Staffel. Comedian Louis C.K. akzeptierte das Angebot des Senders FX, einen Piloten zu produzieren – mit nur 200.000$, die sowohl sein Budget als auch sein Honorar bildeten. Louis erhielt dafür volle kreative Kontrolle und ist bis heute der einzige Autor und Regisseur und meist auch Cutter der Serie. Das Ergebnis ist oft näher an Indie-Filmemachen als an einer „normalen“ Serie.
Louis C.K. spielt eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Er tritt in Comedy-Clubs auf, versucht, nach seiner Scheidung Frauen kennenzulernen und kümmert sich um seine beiden Töchter. Dabei hat die Serie allerdings keine fortlaufende Handlung – jede Folge hat ihre eigene Continuity (da kann auch schonmal dieselbe Schauspielerin Louies Date in einer und seine Mutter in einer anderen Folge spielen), ihre eigene, in sich geschlossene Handlung und ihr eigenes Thema, manche erzählen auch mehrere kleine Geschichten. Unterbrochen werden die Folgen immer wieder von Auszügen aus Louies Standup, die oft mit der Handlung zu tun haben, es aber nicht müssen.
War Seinfeld (dessen Mit-Erfinder Larry David mit Curb Your Enthusiasm eine mit
Louie, zumindest Season 1, teils vergleichbare, aber in Qualität und emotionaler wie kreativer Bandbreite nicht annähernd heranreichende Serie kreiert hat) eine „show about nothing“, ist Louie eine „show about everything“. Mal erzählt CK kleine, alltägliche Geschichten über Dates oder Kindererziehung, über seine vergeblichen Versuche, zu seiner 13jährigen Nichte durchzudringen oder bei seiner Freundin Pam (Pamela Adlon, auch „Consulting Producer“ der Serie) zu landen, mal beschäftigt er sich mit seinem Leben als Comedian, gescheiterten Pilotsendungen und Auftritten in Spielcasinos und durchsetzt seine Plots stets mit bizarren, absurden bis surrealen Momenten wie dem, in dem mysteriöse Anzugträger vor seinem Fenster einen Obdachlosen entführen.
Wieviel von Louie wirklich aus CKs Leben gespeist wird und wieviel rein fiktiv ist, ist undurchsichtig – und komplett irrelevant, denn die Serie wirkt authentischer, ehrlicher und wahrer als jede andere im TV und – wahrscheinlich – als es jede Dokumentation über CK sein könnte. Wie Chuck Klosterman über eine Konfrontation von CKs Onscreen-Charakter und Comedian Dane Cook (den CK tatsächlich, wahrscheinlich zurecht, beschuldigt, Witze von ihm gestohlen zu haben) schreibt:
It’s realer than any reality show, more emotionally complicated than most 300-page memoirs, yet still awkward and severe and (somehow) easy to watch. I want to know everything about this scene — I want to know if this conversation truly happened, I want to know Cook’s views on his involvement, and I want to know C.K.’s deeper intent. And I can tell I’m not the only one who feels this way.
Später fährt Klosterman fort:
The level of insight and weirdness C.K. is jamming into these shows is flat-out unimpeachable, and I somehow get the sense that his entire audience is having the same experience as me. It’s a shared recognition of perfection, happening in the present tense. And this is not a situation like 2003, when everyone just sort of temporarily agreed that “Hey Ya!” was a terrific single; this is different. This is someone working on the most radical edge of mainstream culture and succeeding brilliantly without ever doing the same thing twice.
Tatsächlich traut sich Louie fast jede Woche ein kleines Bisschen mehr, ignoriert jegliche Erzählkonventionen und überrascht immer wieder mit neuen Ideen und Settings; so spielt eine einstündige Episode der zweiten Staffel in Afghanistan, wo Louie auftritt, um die Truppen zu unterhalten – eine Idee, die allein schon gewagt und ungewöhnlich genug ist und sich durch das berührende (und gleichermaßen absurde) Ende auch der letzten Erwartungshaltung widersetzt.
Dass Louie auch visuell Maßstäbe setzt, einerseits (oft gerade in potentiell eher abstoßenden Momenten) wunderschön fotografiert ist, andererseits aber stets einen „Do It Yourself“-Look aufrecht erhält, ist da nur das Sahnehäubchen. Die Show ist voll von solchen Widersprüchen und wahrscheinlich gerade deshalb so brillant: Louie ist of eher deprimierend als komisch und dennoch ohne Zweifel eine Comedy-Serie, ist surreal, manchmal over-the-top, aber äußerst realistisch und ehrlich, ist künstlerisch anspruchsvoll und sehr gut geschrieben und wirkt doch rau und spontan (und ist extrem smart und manchmal fordernd, aber dennoch erfolgreich). Das alles macht Louie sicher zum besten Serienneustart der letzten paar Jahre – wenn es der Serie nicht sogar einen Platz sichert neben Serien wie Buffy, Spaced oder Russell T. Davies’ Doctor Who, die bewiesen haben, dass das Medium Fernsehen Kunst sein kann und dessen Möglichkeiten und Standards teils nicht nur ausgereizt, sondern entscheidend weiterentwickelt haben.